BIOGRAPHIE

Der Süden der Republik hat eine historische Affinität zum schwedischen Death Metal: Fleshcrawl orientieren sich seit 20 Jahren am rohen Stockholmer-Stil, Violation und Soul Demise blickten ein paar Jahre später bevorzugt nach Göteborg. Auch AKREA aus der Oberpfalz liebäugeln lieber mit verschiedenen Ausprägungen des Elchtods, statt die wenigen Kilometer in das oberfränkische Bayreuth zu schielen und in Richard Wagners Fußstapfen zu treten. Dabei lösen sie sich aber schon in einem frühen Stadium von den Vorbildern und erkunden auch kompositorisch neue Wege, die sie mit dem in diesem Metier unüblichen, reflektierten deutschen Texten ohnehin schon beschreiten. Einen Tag nach der Veröffentlichung des zweiten Bandalbums „Lügenkabinett“ am 22. Oktober begehen sie im Rahmen der Release-Show gerade einmal ihr fünftes Bandjubiläum. Wobei diese Zeit sogar die Prä-AKREA-Phase als Inner Aggression mit einbezieht. Bereits auf dem 2007er Debütalbum „Beginning Of An Inner War“ unter diesem alten Namen schwenken die Musiker nach einem englischsprachigen Demo auf ihre heutige lyrische Linie ein.

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Dass sie ihre Vergangenheit nicht verleugnet, zeigt die limitierte Erstauflage von „Lügenkabinett“: Neben dem ungewöhnlichen ‚Distraktion’ – einer umarrangierten, mit (natürlich deutschem) Text versehene Apocalyptica-Komposition – ist darauf eine Neueinspielung des Inner Aggression-Konzertfavoriten ‚Ahnenrausch’ vertreten. Der Embryonalphase als Inner Aggression folgt die Entwicklung zu AKREA: Nach der Umbenennung gestalten diese im Dezember 2008 ihr zweites Debütalbum – den Labeleinstand bei Drakkar- wesentlich individueller. Im Anschluss an die Veröffentlichung von „Lebenslinie“ kann sich die Band als Support der 2009er Schre!nachten-Tour unter den Fittichen von Die Apokalyptischen Reiter erstmals einem überregionalen Publikum stellen. Gerade in dieser Gesellschaft verweisen sich die muttersprachlichen Texte nicht als Nachteil.

Die Lebenslinie prägt sich in der Hand des Fötus bereits in einem frühen Stadium der Schwangerschaft aus. Sie ist im besten Fall keine Gerade, die auf dem schnellsten Weg von A (der Geburt) nach B (dem Tod) führt. Auf ihrem hoffentlich noch langen Lebensweg ist „Lügenkabinett“ ein nächster Schritt, den AKREA erneut gemeinsam mit Victor Bullock gegangen sind. Der Triptykon und Dark Fortress-Gitarrist (dort als V. Santura bekannt) hat in seinem Woodshed-Studio für einen transparenten Sound gesorgt, der bei aller Detailverliebtheit stets die Bühnenumsetzung im Auge hat. Um live nicht auf tragende Arrangements verzichten oder Samples verwenden zu müssen, bleibt z.B. die Einbindung von Klavierpassagen weitgehend auf das Instrumental ‚Zwischen den Welten’ begrenzt, welches mit dem ebenfalls gesangsfreien ‚Ach Was Bist Du Schön…’ daher voraussichtlich eine Studioaffäre bleiben wird.

Die melodische Komponente ist den Gitarren vorbehalten. Der Opener ‚Vier Sonnen’ geht ohne Vorgeplänkel in medias res und ist von Anfang bis Ende von Leadgitarrenmotiven durchzogen. Die Soli von Stephan Schafferhans legen dessen Blues- und Rock-Background unter anderem in ‚Wilde Flut’ (dem Finale der regulären Albumedition) offen. Doch AKREA definieren sich nicht nur durch die unterschiedlichen Facetten von seinem Gitarrenspiel und dem von Fabian Panzer. ‚Bühne Frei’ flirtet mit Black Metal-Klangästhetik, das auf das bereits erwähnte harmonische, zunächst von cleanen Gitarren bestimmte Intro ‚Ach was bist Du schön…“ folgende ‚…So Schön’ bezieht in die Strophengestaltung Thrash-Rhythmen ein.

Die Kombination der beiden letztgenannten Songtitel verweist auch ohne weitere Textkenntnis auf die beißende Ironie, welche Sebastian Panzers Lyrik bestimmt. Das Lügenkabinett als übergeordnetes Konzept beschreibt eine nicht zwangsläufig menschliche Macht, welche uns Erdenbürgern eine heile Welt vorgaukelt. Panzer entlarvt und kritisiert diese Manipulation, mal mit Metaphern, dann wieder in einer ganz offenen Abrechnung mit der an ihren Widersprüchen erstickenden Informations-, Spaß- und Couch-Potatoe-Gesellschaft. Sein zwischen massiven Growls und variablen Screams angesiedelter Gesang ist nicht weniger engagiert als beim Albumvorgänger, grundsätzlich aber etwas tiefer und kontrollierter. Die ‚Versprochen Ist Versprochen’-Einleitung täuscht zwar eine (Halb-) Ballade an, aber melodischer Gesang ist bis auf weiteres nicht anvisiert. Aber wer weiß schon, welche Richtungsänderungen die Lebenslinie des Quintetts noch bereithält. Sicher fühlen sollte man sich bei AKREA nicht: Sie agieren als Musiker und Songwriter viel zu aufgeschlossen, um berechenbar zu sein.